„Business as usual is no longer an option“ – Weitermachen wie bisher ist keine Option“ – Ist das Fazit der Weltkakaokonferenz vor neun Monaten in Berlin ein Signal für den Aufbruch gewesen, und ist der Kakaosektor ein Stück nachhaltiger geworden? Diese Frage diskutierten drei Vertreter der Süßwarenindustrie und des Lebensmittelhandels und eine Kooperativenvertreterin aus der Côte d’Ivoire auf einer gemeinsamen Veranstaltung des Forum Nachhaltiger Kakao und der Schweizer Plattform für Nachhaltigen Kakao auf der Internationalen Süßwarenmesse in Köln. Klar wurde für die rund 100 Teilnehmenden an der Diskussionsveranstaltung: Es gibt Fortschritte, vor allem was die Zusammenarbeit auf internationaler Ebene und zwischen den unterschiedlichen Akteuren aus Wirtschaft, Regierung und Zivilgesellschaft betrifft. Beispiel ist die Cocoa & Forests-Initiative zum Schutz vor Entwaldung. An ihr sind die Regierungen von mittlerweile drei kakaoproduzierenden Ländern, Côte d‘Ivoire, Ghana und Kolumbien, beteiligt, und es wurden anspruchsvolle nationale Umsetzungspläne entwickelt.

Um eine internationale Arbeitsgruppe zu existenzsicherndem Einkommen für die Kakaobauern und -bäuerinnen zu gründen, haben sich die Schweizer und die deutsche Plattform mit wichtigen Akteuren aus der Zivilgesellschaft und der Privatwirtschaft, der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und weiteren Organisationen zusammengeschlossen. Die Task Force Living Income soll Lösungsansätze zur Schließung der Einkommenslücke entwickeln, die zwischen dem aktuellen Einkommen der Kakaobauern und -bäuerinnen, das zumeist unter der Armutsgrenze liegt (gemäß Definition der Weltbank 1,90 US-Dollar pro Person und Tag), und einem existenzsichernden Einkommen besteht. Mit der Gründung der belgischen Multistakeholder-Initiative „Beyond Chocolate“ zu Anfang dieses Jahres ist nun neben Deutschland und der Schweiz ein drittes Hauptabnehmerland von Kakao eindeutig einem nachhaltigen Kakaosektor verpflichtet und wird die bisherigen Aktivitäten unterstützen.

Und dennoch, es bleiben große Aufgaben. Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), Hans-Joachim Fuchtel, sowie auch der Stellvertretende Generalkonsul der Schweiz in Frankfurt a. M., Hans-Peter Willi, sprachen in ihren Eröffnungsreden die Notwendigkeit an, für die gesamte Lieferkette eine klare Struktur und ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln. „Wir müssen eine Überprüfbarkeit der Maßnahmen herstellen und auch die Regierungen der Erzeugerländer mit in die Pflicht nehmen“, sagte Fuchtel. Und auch Willi sagte angesichts der drängenden Probleme wie Armut, Verlust an Artenvielfalt, Entwaldung und Klimawandel: „Die Schweizer Plattform für Nachhaltigen Kakao hat sich zum Ziel gesetzt, sich aktiv für Lösungen dieser Probleme einzusetzen.“

Der Vorsitzende des Forum Nachhaltiger Kakao, Wolf Kropp-Büttner, verwies auf den jüngst verabschiedeten 10-Punkte-Plan für einen nachhaltigen Kakaosektor der beteiligten Bundesministerien BMEL und BMZ. „Die 10 Punkte decken sich weitgehend mit der Zielsetzung des Forums“, sagte Kropp-Büttner. „Sie sind ein sichtbares Zeichen, die vordringlichen Probleme im Kakaosektor gemeinsam nachhaltig und wirksam anzugehen.“

Ein wichtiger Schlüssel, die Situation im Kakaoanbau zu bessern, sind die Bauern und Bäuerinnen selbst. Sie müssen ihre Rolle als Unternehmer lernen und wahrnehmen. Hierzu bedarf es allerdings noch einiger Unterstützung. Petra Heid von Chocolats Halba benannte drei wesentliche Elemente zur Stärkung der Produzenten: Schulungen, vor allem im Anbau mit einem Fokus auf Diversifizierung durch Mischkulturen, aber auch in Buchhaltung und Betriebsführung, um gesicherte Ernährung und größere wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erreichen. Auch Vorfinanzierung sei ein wichtiges Element, um Investitionen zu erleichtern.

Florian Schütze von LIDL betonte, den Bauern müsse eine wirtschaftliche Zukunft gegeben werden, das Unternehmen übernehme seit Jahren Verantwortung für einen zukunftsfähigen Kakaosektor. „Mit Lidl haben die Fairtrade-Produzenten einen Absatzkanal mit einem gesicherten Mindestpreis und Fairtrade-Prämien, die Planungssicherheit garantieren und eine beständige Kakaoproduktion ermöglichen“, sagte Schütze.

Die Vertreterin einer ivorischen Kakaobauernkooperative, Alida N’Takpe-Coulibaly, verwies darauf, dass die Bauern und Bäuerinnen stärker begleitet werden müssten bei ihrem Schritt in eine sicherere wirtschaftliche Existenz. „Sie müssen lernen und ein Verständnis dafür entwickeln, wie sie mit ihrem Einkommen umgehen müssen“, sagte sie. „Einkommen kann man auch sparen oder investieren.“ Dies erfordere ein Umdenken bei den Bauern und Bäuerinnen und könne nur durch eine längerfristige Begleitung, ein Coaching, erreicht werden. Hohe Weltmarktpreise wie etwa im Jahr 2011 mit über 3.000 US-Dollar pro Tonne Rohkakao wurden von den Bauern nicht für Investitionen genutzt. Das heißt, sie wurden nicht in den Betrieb und auch nicht in die Erziehung der Kinder investiert. Hier kommt vor allem Frauen eine wichtige Rolle. Ihr Einkommen fließt zu einem wesentlich höheren Teil der Familie zu als das Einkommen der Männer.

Ein besseres und existenzsicherndes Einkommen ist auch bei Barry Callebaut zentrales Thema. Durch seine Nachhaltigkeits-Initiative „Forever Chocolate“ will der weltweit führende Verarbeiter von Qualitätsschokoladen- und Kakaoprodukten bis zum Jahr 2025 500.000 Bauern und Bäuerinnen aus der Armut bringen, außerdem missbräuchliche Kinderarbeit in seiner Lieferkette eliminieren, CO2-positiv werden und ausschließlich nachhaltig erzeugte Zutaten verwenden. Dafür ist das Unternehmen in zahlreichen internationalen Bündnissen aktiv. Andres Tschannen von Barry Callebaut verwies aus dieser Erfahrung auf die wichtige Rolle, die den Regierungen der Konsumenten- und der Produzentenländer bei dem Bestreben zu mehr Nachhaltigkeit zukommt.

Alida N’Takpe-Coulibaly sprach einen weiteren wichtigen Aspekt an: „Viele junge Menschen sind an Landwirtschaft interessiert. Es ist wichtig, sie stärker in Projekte einzubinden“, sagte sie. Sie selbst hat ein Wirtschaftsstudium absolviert, sich dann aber entschlossen, die Kakaoanbautradition ihrer Familie fortzusetzen. Im Jahr 2015 gründete sie die Kooperative RASSO. Deren Mitgliederzahl wächst seither kontinuierlich, von zunächst rund 100 auf aktuell über 800 Mitglieder, von denen mehr als 300 Frauen sind.

Dr. Stefan Schmitz, Abteilungsleiter im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), sprach von einem deutlichen Bewusstseinswandel, der wahrzunehmen sei. „Für einen erfolgreichen Wandel ist wichtig, die Vielzahl guter Initiativen und Projekte weiterzuführen“, sagte Schmitz. Auch brauche es Fortschritte bei der Regulierung. „Dafür wird sich auch das BMZ einsetzen“, so Schmitz weiter. Nach dem Motto „Fördern und fordern“ will das BMZ den direkten Dialog mit den Produzentenländern stärken und Politikänderungen stärker einfordern. Ein dritter Punkt ist, Foren zu stärken, in denen auch Produktionsländer mit am Tisch sitzen. Das Forum Nachhaltiger Kakao mit seinem Projekt PRO-PLANTEURS ist dafür ein Beispiel. Es beteiligt die Côte d‘Ivoire ebenso wie die Bundesregierung.

Urs Furrer, Vorstandsmitglied bei der Schweizer Plattform für Nachhaltigen Kakao, verstärkte in seinem Schlusswort die Forderung nach Einbeziehung der Produzentenländer und legte noch einmal den Fokus auf die Bauern. „Wir müssen Kakaoanbau zu einem erfolgreichen Geschäft machen, sagte Furrer. „Mein Wunsch ist deshalb auch, eine Multistakeholder-Initiative in einem Produzentenland zu etablieren. Wir müssen zu einem noch stärkeren Austausch kommen und stärker gemeinsames Lernen auch aus unseren Fehlern ermöglichen“, so Furrer weiter.

Lucas Simons von NewForesight, der als Moderator der Veranstaltung sein breites Wissen über Nachhaltigkeit, Herausforderungen und Lösungsansätze einbrachte, sagte, der Anfang sei gemacht. Der Sektor befinde sich an einem Scheidepunkt, aus einem ungeordneten Nebeneinander vieler Initiativen entsteht ein System, in dem die Akteure gegenseitiges Vertrauen entwickeln, sich koordinieren und auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten. „Ich sehe uns diesem Punkt nahe“, sagte Simons und rief dazu auf, das gewachsene Vertrauen zu pflegen und weiter zu stärken.

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