Mittwoch, Mai 12, 2021
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Die Botschaft des „Lust-Hauses“ / Warum das Karlsruher Schloss heute ein sehr lebendiges Symbol für Kultur, Demokratie und Offenheit ist

Karlsruhe (ots) – Wagen wir zum Aufwecken mal eine steile These: Schlösser sind Denkmäler undemokratischer Gesinnung. Die zu Stein gewordene Botschaft an das Volk: Du kommst hier nicht rein.

Übrigens kein Phänomen früherer Zeiten. Wer „Cumhurbaskanligi Külliyesi“ oder „Kap Idokopas“ googelt, wird erfahren, was und wer gemeint ist.

Auch in Karlsruhe steht ein Schloss. Erbaut von Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach.

Es trägt alle architektonischen und künstlerischen Insignien, die ein barocker Regent präsentieren musste, um seinen Standesgenossen ebenbürtig zu sein, wenn sie mal auf eine hochadelige Sause vorbeischauten.

Also ausgerechnet auch hier, wo heute keine 500 Meter vom Schloss entfernt im Bundesverfassungsgericht der Heilige Gral der Demokratie, unser Grundgesetz, gehütet und notfalls verteidigt wird, ein Denkmal undemokratischer Gesinnung?

Mal sehen…

Beginnen wir mit der Anlage des Schlosses. Während andere Herrschersitze bewusst nur über einen, oder zumindest sehr wenige Wege erreichbar waren, führen in Karlsruhe neun Straßen auf das Schloss zu.

Einer Legende nach erschien diese Anlage Karl Wilhelm im Traum, als er auf der Suche nach einem verlorenen Fächer seiner Gemahlin im Wald einschlief. Darum lege sich die Stadt als Alleinstellungsmerkmal im Wettbewerb der Stadtmarketing-Konzepte heute das Attribut „Fächerstadt“ zu.

„Fächer“ klingt poetisch. Historiker verstehen es prosaischer. Sie sehen in der Straßen-Anlage eher symbolische Sonnenstrahlen, die vom Schloss ausgehend signalisieren:

Hier, im Zentrum der Sonne, regiert absolutistisch der Chef.

Diese Straßen bilden noch heute von beinahe jedem Punkt des Stadtzentrums aus direkte Sicht-Achsen auf das Schloss.

Zeitgleich mit dem Beginn der Bauarbeiten des Schlosses im Jahr 1715 veröffentlichte Karl Wilhelm eine Einladung: Er wollte Nachbarn.

Der Text („Privilegienbrief“) liegt heute schwarz auf weiß dokumentiert im baden-württembergischen Generallandarchiv:

„Freiheiten, Privilegien und sonderbare Begnadigungen, womit der durchlauchtigste Fürst und Herr Carl diejenigen, die hinkünftig bei und neben dero Neu-Erbauenden Lust-Haus Carlos Ruhe sich niederlassen werden anzugeben gedenket“.

Nicht nur, dass dem lutherischen Karl völlig egal war, welcher Religion die Zugezogenen angehörten. Nein – er schenkte ihnen Grundstücke, Baumaterial, gewährte Steuererlass. Zudem pfiff er in dieser Einladung rund um den Grundstein der werdenden Stadt auf die damals übliche Leibeigenschaft – die allerdings im übrigen Baden-Württemberg noch galt und erst 1783 aufgehoben wurde. Also ein Grund mehr, auf die Baustelle der neuen Stadt zu ziehen.

Wie ökonomisch vernünftig er dachte, zeigt Paragraf 14 seines Privilegienbriefes. Weit entfernt von Corona und Lockdown ordnete er an: Support your local dealers.

Dieses clevere Edikt genau im Jahr des Baubeginns seines „Lust-Hauses“ zu erlassen, war durchaus nicht uneigennützig. Denn um sein Schloss bauen zu können, brauchte der Markgraf kundige und tüchtige Kaufleute, Handwerker, Hauspersonal et cetera. Schaffe, schaffe, Schlössle baue!

Wie gut die Lockung mit „Freiheiten, Privilegien und sonderbaren Begnadigungen“ funktionierte, hatte ihm 30 Jahre vorher der Brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm I. gezeigt. Seiner als „Edikt von Potsdam“ bekannt gewordenen Einladung folgten vor allem Hugenotten, die in Frankreich gnadenlos verfolgt wurden. Allesamt in ihren Professionen hoch qualifiziert.

Die Anlage des Markgräflichen Schlosses und die damit verbundene Einladung sind also bis hier her (leider) noch kein schlüssiger Beweis dafür, dass es im Gegensatz zu den Residenzen anderer Potentaten schon zu der Zeit ein Symbol der Toleranz und Demokratiefreundlichkeit war.

Mithin hat Karl Wilhelm der Stadtseele also auch nicht jene Lust an Kultur und Kunst vererbt, die Karlsruhe heute, wie kaum eine andere Stadt Deutschlands, prägt?

Doch – genau das hat er!

Die großen Karlsruher Kulturinstitutionen gehen alle auf die Markgräflichen Sammlungen und die kulturellen Leidenschaften des Herrscherhauses zurück: die Kunsthalle auf die Gemäldesammlung, das Naturkundemuseum auf das Naturalienkabinett, das Badische Landesmuseum in der ehemaligen Residenz, dem Schloss, auf die Antikensammlung und die sogenannte „Türkenbeute“. Die „Expothek“ des Badischen Landesmuseums gilt international als eines der innovativsten Präsentationskonzepte. Das Badische Staatstheater geht auf das Hoftheater zurück. Auch zum Karlsruher Institut für Technik (KIT), Vorbild des legendären MIT in den USA, ließe sich eine Brücke schlagen: Karl Wilhelm war begeistert von den Wissenschaften und ließ alchimistische Versuche durchführen.

Einmal im Jahr versammeln sich zudem Tausende internationale Besucher zu den „Schlosslichtfestspielen“. Ein weiterer Höhepunkt der Karlsruher Kultur. Wenn dann die Fassade zur Projektionsfläche spektakulärer Licht-Inszenierungen international renommierter Künstler wird, hätte das Karl Wilhelm wohl gefallen. Zumal als Lustbarkeit für eine seiner zahlreichen Mätressen, mit denen sich der in allen Lebensbereichen bachantisch schwelgende Lebemann zeitlebens vergnügte.

Dann wurde das Karlsruher Schloss 81 Jahre nach dem Tod des Markgrafen doch noch zum Ort der Demokratie. Denn hier im Gartensaal tagte von 1819 bis 1822 die Badische Ständeversammlung. Deren zweite Kammer galt „als das liberalste und einflussreichste Kammerparlament des Deutschen Bundes“, sagt Wikipedia.

Zurück zum Anfang. Darf angesichts all dessen, angefangen 1715, behauptet werden, das Karlsruher Schloss sei über die Jahrhunderte zu einem (sehr lebendigen) Symbol für Kultur, Demokratie und Offenheit (…auch gegenüber neuen Bewohnern) geworden?

Ja, jetzt sicher.

Und es ist heute noch mehr. Karin Lorbeer, Marketing-Chefin des Landesmuseums, beschreibt es so: „Ein Schloss, dessen Schlossgarten von den Karlsruherinnen und Karlsruhern als Wohnzimmer begriffen und belebt wird. Und dessen schräg stehende Flügel die Stadt und ihre Bevölkerung in die Arme zu nehmen scheint.“

In den Arm nehmen? Karl Wilhelm, Du Bonvivant – das hätte dero Gnaden auch gefallen, oder?

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Stephan Theysohn
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